Hyaluronsäure bei Peyronie (IPP): Kann sie die Penisverkrümmung begradigen?
Viele Männer mit einer erworbenen Penisverkrümmung, medizinisch als Induratio penis plastica (IPP) oder Peyronie-Krankheit bezeichnet, wünschen sich eine Behandlung, die ohne Operation auskommt. Neben verschiedenen konservativen Therapieansätzen werden auch Hyaluronsäure-Injektionen als mögliche Behandlung diskutiert. Doch können diese Injektionen die Krümmung tatsächlich verbessern?
Die kurze Antwort: Erste Studien zeigen, dass Hyaluronsäure-Injektionen die Penisverkrümmung möglicherweise um einige Grad verringern können. Allerdings ist die wissenschaftliche Datenlage bislang begrenzt. Ob die beobachteten Verbesserungen tatsächlich auf die Hyaluronsäure zurückzuführen sind und langfristig bestehen bleiben, ist nicht ausreichend geklärt. Eine zuverlässige oder deutliche Begradigung des Penis durch Hyaluronsäure ist nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht ausreichend nachgewiesen.
Was ist Hyaluronsäure und wie soll sie bei IPP helfen?
Bei der Induratio penis plastica (IPP) bildet sich Narbengewebe in der Bindegewebshülle der Schwellkörper. Dadurch entstehen sogenannte Plaques, die das Gewebe weniger elastisch machen und zu einer Verkrümmung des Penis bei der Erektion führen können.
Hyaluronsäure ist eine körpereigene Substanz, die unter anderem im Bindegewebe vorkommt und Wasser bindet. Aufgrund ihrer Eigenschaften wird sie auch als mögliche Behandlung der IPP untersucht. Dabei wird Hyaluronsäure direkt in die Plaque oder in deren unmittelbare Umgebung injiziert.
Die Idee hinter dieser Behandlung ist, entzündliche Prozesse und Veränderungen des Bindegewebes zu beeinflussen und dadurch möglicherweise Schmerzen oder die Krümmung zu verringern. Allerdings ist bislang nicht ausreichend nachgewiesen, dass sich das verhärtete Narbengewebe durch Hyaluronsäure tatsächlich zurückbildet oder die Penisverkrümmung dadurch dauerhaft verbessert.
Was zeigen die bisherigen Studien zur Wirksamkeit?
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Behandlung der Induratio penis plastica (IPP) mit Hyaluronsäure zeigen schwache Hinweise auf eine mögliche Verbesserung der Penisverkrümmung im Ausmaß von wenigen Graden. Allerdings beruhen die bisherigen Erkenntnisse überwiegend auf kleineren Studien.
In einer 2024 veröffentlichten randomisierten Studie wurden 42 Männer mit einer IPP in der aktiven Krankheitsphase untersucht. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt über zwölf Wochen wöchentliche Hyaluronsäure-Injektionen, während die andere Hälfte mit Verapamil-Injektionen behandelt wurde.
Bei den mit Hyaluronsäure behandelten Männern verringerte sich die durchschnittliche Penisverkrümmung innerhalb von zwölf Wochen von etwa 34 auf 25 Grad. Das entspricht einer Abnahme um rund 9 Grad beziehungsweise etwa 28 Prozent gegenüber dem Ausgangswert.²
Die durchschnittliche Verbesserung um rund 9 Grad bedeutet allerdings nicht, dass jeder Patient in diesem Ausmaß von der Behandlung profitiert. Insbesondere ändert bei stark ausgeprägten Krümmungen eine solche minimale Reduktion der Krümmung nicht die Notwendigkeit im weiteren Verlauf eine operative Korrektur durchzuführen.
Warum sind diese Studienergebnisse mit Vorsicht zu betrachten?
Auch wenn die bisherigen Studien erste positive Ergebnisse zeigen, ist ihre Aussagekraft begrenzt. Insbesondere die geringe Anzahl an Studienteilnehmern und die kurze Beobachtungsdauer erschweren es, verlässliche Rückschlüsse auf die tatsächliche Wirksamkeit von Hyaluronsäure bei IPP zu ziehen.
Ein wesentlicher Kritikpunkt der Studie von 2024 ist das Fehlen einer Placebogruppe oder einer unbehandelten Vergleichsgruppe. Zwar wurden Hyaluronsäure-Injektionen mit Verapamil-Injektionen verglichen, allerdings lässt sich dadurch nicht feststellen, wie sich die Penisverkrümmung ohne diese Behandlungen entwickelt hätte.²
Das ist vor allem deshalb relevant, weil die IPP in ihrer aktiven Krankheitsphase einen unterschiedlichen Verlauf nehmen kann. Während sich die Krümmung bei manchen Männern verstärkt, bleibt sie bei anderen weitgehend unverändert oder kann sich in einzelnen Fällen auch spontan verbessern. Eine beobachtete Verringerung der Krümmung muss daher nicht zwangsläufig auf die verabreichte Hyaluronsäure zurückzuführen sein.
Hinzu kommt, dass die Teilnehmer nur über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum beobachtet wurden. Ob eine mögliche Verbesserung auch langfristig bestehen bleibt, lässt sich aus diesen Ergebnissen nicht zuverlässig beurteilen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die bisherigen Untersuchungen liefern geringe Hinweise auf einen möglichen Behandlungseffekt, reichen jedoch nicht aus, um eine zuverlässige und dauerhafte Begradigung der Penisverkrümmung durch Hyaluronsäure wissenschaftlich zu belegen.
Was bedeuten einige Grad weniger Krümmung für den Patienten?
Eine Verringerung der Penisverkrümmung um einige Grad klingt zunächst nach einem Behandlungserfolg. Doch eine messbare Verbesserung bedeutet nicht automatisch, dass sich dadurch auch die Beschwerden oder Einschränkungen des Patienten wesentlich verändern.
Entscheidend ist vor allem, wie stark die Krümmung ursprünglich ausgeprägt ist und ob sie den Geschlechtsverkehr beeinträchtigt. Bei einer ausgeprägten Penisverkrümmung kann eine Verbesserung um beispielsweise 9 Grad zwar messbar sein, ohne dass dadurch eine ausreichende Begradigung erreicht wird. In solchen Fällen persistieren die funktionellen Einschränkungen und eine operative Begradigung müsste trotzdem durchgeführt werden.
Neben dem Krümmungswinkel spielen auch die Richtung und Form der Verkrümmung, mögliche Einschnürungen des Penis sowie die Erektionsfähigkeit eine wichtige Rolle. Der Behandlungserfolg lässt sich deshalb nicht allein anhand einer Veränderung des Krümmungswinkels beurteilen.
Für Patienten ist letztlich nicht nur entscheidend, ob sich die Krümmung um einige Grad verringert, sondern ob dadurch eine spürbare Verbesserung der sexuellen Funktion und Lebensqualität erreicht wird. Ob Hyaluronsäure-Injektionen einen solchen funktionellen Nutzen zuverlässig erzielen können, ist bislang nicht ausreichend wissenschaftlich belegt.
Wie bewerten medizinische Leitlinien die Hyaluronsäure-Behandlung?
Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) berücksichtigen Hyaluronsäure-Injektionen als mögliche Behandlungsoption bei der Induratio penis plastica (IPP). Die Empfehlung bezieht sich auf ausgewählte Patienten in der aktiven Krankheitsphase und zielt auf eine mögliche Verringerung von Schmerzen und/oder der Penisverkrümmung ab.¹
Allerdings handelt es sich dabei ausdrücklich um eine schwache Empfehlung. Das bedeutet, dass die Behandlung nicht uneingeschränkt empfohlen werden kann und die Entscheidung besonders sorgfältig auf die individuelle Situation des Patienten abgestimmt werden sollte.
Eine schwache Leitlinienempfehlung ist daher nicht mit dem Nachweis gleichzusetzen, dass Hyaluronsäure die Penisverkrümmung zuverlässig oder dauerhaft begradigen kann.
Für die Entscheidung über eine Behandlung sind deshalb die individuelle Krankheitssituation, die bestehenden Beschwerden und die Erwartungen des Patienten entscheidend. Insbesondere sollte vor einer Hyaluronsäure-Behandlung offen besprochen werden, dass ein möglicher Nutzen nicht zuverlässig vorhergesagt werden kann.
Ist Hyaluronsäure eine Alternative zur Kollagenase-Behandlung?
Bei der Behandlung der Induratio penis plastica (IPP) wurden neben Hyaluronsäure auch andere Substanzen untersucht, die direkt in die Plaques injiziert werden. Dazu zählt insbesondere die Kollagenase Clostridium histolyticum, die unter dem Handelsnamen Xiapex bekannt wurde.
Anders als bei Hyaluronsäure liegen für Kollagenase größere, placebokontrollierte Studien vor. In den beiden sogenannten IMPRESS-Studien verringerte sich die Penisverkrümmung in der Kollagenase-Gruppe im Durchschnitt um etwa 17 Grad beziehungsweise 34 Prozent. In der Placebogruppe betrug die durchschnittliche Verbesserung rund 9 Grad beziehungsweise 18 Prozent. In beiden Gruppen wurde zusätzlich eine mechanische Modellierung des Penis durchgeführt.³
Diese Ergebnisse zeigen, weshalb eine Kontrollgruppe für die Beurteilung einer Behandlung so wichtig ist: Auch in der Placebogruppe wurde eine messbare Verbesserung beobachtet.
Die Studienergebnisse lassen sich allerdings nicht unmittelbar mit jenen zur Hyaluronsäure vergleichen. Die Untersuchungen unterschieden sich unter anderem hinsichtlich der eingeschlossenen Patienten, der Behandlungsprotokolle und der Studienbedingungen. Ob Hyaluronsäure ähnlich wirksam ist wie Kollagenase, lässt sich aus den bisher verfügbaren Daten daher nicht zuverlässig beurteilen.
Hinzu kommt, dass Xiapex in der Europäischen Union und weltweit, mit Ausnahme der USA, nicht mehr erhältlich ist. Die Marktzulassung wurde auf Antrag des Herstellers aus kommerziellen Gründen zurückgezogen.⁴
Hyaluronsäure scheint anhand der derzeit vorliegenden Datensätze schwächer zu wirken als die Kollagenase, welche vom Markt genommen wurde.
Für welche Patienten kommt Hyaluronsäure überhaupt infrage?
Ob Hyaluronsäure-Injektionen bei einer Induratio penis plastica (IPP) infrage kommen, hängt vor allem vom Krankheitsstadium, den Beschwerden und den individuellen Behandlungszielen ab.
Grundsätzlich wird zwischen einer aktiven und einer stabilen Krankheitsphase unterschieden. In der aktiven Phase kann sich die Penisverkrümmung noch verändern. Häufig treten auch Schmerzen auf, insbesondere bei einer Erektion. In der stabilen Phase verändert sich die Krümmung dagegen über einen längeren Zeitraum nicht mehr, und die Schmerzen lassen meist nach.
Wie bereits die EAU-Leitlinie zeigt, kommt Hyaluronsäure allenfalls für ausgewählte Patienten in der aktiven Phase der IPP als mögliche Behandlungsoption infrage.¹ Ob eine solche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, muss unter Berücksichtigung der Beschwerden, des Krankheitsverlaufs und der begrenzten wissenschaftlichen Evidenz beurteilt werden. Speziell bei starken Krümmungen führt eine minimale Reduktion der Verkrümmung zu keiner Besserung der funktionellen Probleme der IPP. Eine operative Begradigung müsste dann trotzdem erfolgen.
Insbesondere bei einer bereits länger bestehenden, stabilen und ausgeprägten Penisverkrümmung sollte nicht erwartet werden, dass Hyaluronsäure-Injektionen eine verlässliche Begradigung bewirken. Wenn die Krümmung den Geschlechtsverkehr erheblich erschwert oder unmöglich macht, müssen operative Behandlungsmöglichkeiten geprüft werden.
Vor einer Therapieentscheidung ist deshalb eine sorgfältige urologische Untersuchung wichtig. Dabei sollten nicht nur der Krümmungswinkel, sondern auch die Form der Verkrümmung, mögliche Einschnürungen, die Erektionsfähigkeit und die persönlichen Beschwerden berücksichtigt werden.
Entscheidend ist, dass Patienten wissen, welches Behandlungsziel mit Hyaluronsäure realistischerweise erreichbar sein könnte – und welche Erwartungen durch die bisherigen Studien nicht ausreichend gestützt werden.
„Die Induratio penis plastica ist eine Erkrankung mit einem individuell unterschiedlichen Verlauf. Während sich die Penisverkrümmung in der aktiven Krankheitsphase bei einem Großteil der Patienten verschlechtert oder stabil bleibt, kann es in seltenen Fällen auch zu einer spontanen Verbesserung kommen. Genau deshalb müssen die Ergebnisse konservativer Behandlungsverfahren, beispielsweise Hyaluronsäure-Injektionen, kritisch interpretiert werden. Eine beobachtete Verbesserung ist nicht automatisch ein Beweis für die Wirksamkeit der Therapie, da auch der natürliche Krankheitsverlauf berücksichtigt werden muss.
Patienten müssen verstehen, dass insbesondere ausgeprägte Penisverkrümmungen nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand durch konservative Maßnahmen nicht zuverlässig und dauerhaft korrigiert werden können. Ist eine relevante anatomische Begradigung erforderlich, stellt die operative Korrektur bei entsprechend ausgewählten Patienten die wirksamste Behandlungsoption dar.
Eine erfolgreiche Behandlung beginnt nicht mit dem Eingriff, sondern mit einer ehrlichen Aufklärung und realistischen Erwartungen an das therapeutisch Erreichbare.“
– Dr. Franklin Kuehhas, Facharzt für Urologie und Andrologie
Fazit: Hyaluronsäure ist keine verlässlich belegte Begradigungstherapie
Hyaluronsäure-Injektionen werden als mögliche Behandlung der Induratio penis plastica (IPP) untersucht. Erste Studien zeigen, dass sich die Penisverkrümmung unter der Behandlung um einige Grad verringern kann. Ob diese Verbesserungen tatsächlich durch die Hyaluronsäure verursacht werden und langfristig bestehen bleiben, ist jedoch nicht ausreichend geklärt.
Auch die Europäische Gesellschaft für Urologie (EAU) spricht lediglich eine schwache Empfehlung für ausgewählte Patienten in der aktiven Krankheitsphase aus.¹ Eine zuverlässige oder deutliche Begradigung des Penis durch Hyaluronsäure ist nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht ausreichend belegt.
Für betroffene Männer ist daher entscheidend, die möglichen Vorteile und Grenzen einer Behandlung realistisch einzuschätzen. Welche Therapie bei einer IPP sinnvoll ist, hängt insbesondere vom Krankheitsstadium, dem Ausmaß der Verkrümmung, der Erektionsfähigkeit und den individuellen Beschwerden ab.
Eine sorgfältige Untersuchung und persönliche Beratung durch einen auf Penisverkrümmungen spezialisierten Urologen bilden deshalb die Grundlage für eine fundierte Therapieentscheidung.
Sie leiden unter einer Penisverkrümmung (IPP) und möchten wissen, welche Behandlungsmöglichkeiten in Ihrem Fall sinnvoll sind?
Gerne beraten wir Sie persönlich und ausführlich in unserer Ordination. Gemeinsam besprechen wir Ihre individuelle Situation, die verfügbaren Therapieoptionen und deren Erfolgsaussichten.
Literaturverzeichnis
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health 2026, Kapitel Penile Curvature. https://uroweb.org/guidelines/sexual-and-reproductive-health/chapter/penile-curvature
- Intralesional injection of hyaluronic acid compared with verapamil in acute phase of Peyronie’s disease: A prospective randomized clinical trial. (2024). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11441066/
- Gelbard M, Goldstein I, Hellstrom WJG, et al. Clinical efficacy, safety and tolerability of collagenase Clostridium histolyticum for the treatment of Peyronie disease (IMPRESS I and II). J Urol. 2013. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23376148/
- European Medicines Agency. Xiapex: withdrawal of marketing authorisation. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/xiapex